Rezension von Prof. Dr. Med. M. Oehmichen, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, Lübeck, in: Rechtsmedizin, 1998, Bd. 8, Heft 3 (April 1998)

 

R. Harri Wettsteins Leben- und Sterbenkönnen: Gedanken zur Sterbebegleitung und zur Selbstbestimmung der Person, Peter Lang (1995) 1997, Jupiterstr. 15, CH-3000 Bern 15, Tel. 0041 31 940 21 21, 874 S., ISBN 3-906757-25-0

 

Das Gegenüber der Befürworter der aktiven Sterbehilfe (der Pro-Choice-Verfechter bzw. der Vertreter des Autonomiedenkens) und ihrer Gegner (der Right-to-life-Verfechter mit Integrationsdenken) stellt die Grundlage der Analyse dar, die mit Hilfe einer philosophisch geschulten analytischen Denkweise eine Begründung für einen Gesetzesvorschlag bietet, der zur Zeit noch als „utopisch" bezeichnet wird. Dieses Gegenüber nimmt der Autor zur Basis seiner umfangreichen Recherche zur Problematik „Euthanasie", wobei auf ca. 870 Seiten nahezu alle Gedanken und Argumente angesprochen werden, die mit dieser oder ähnlichen Fragestellung in Beziehung stehen. Es werden u.a. angesprochen: Therapieverbissenheit, Ethik, Gesetz, Allokation, Patientenverfügung, Suizidproblematik usw., wobei alle Stichworte jeweils einer ausführlichen Exegese unterzogen werden. Es ist dabei beabsichtigt, ein neues „Sterbeverständnis" zu verdeutlichen.

Bereits am Beginn des Textes wird der Gesetzesvorschlag wiedergegeben, mit Hinweis auf die Notwendigkeit einer frühzeitig verfassten Patientenverfügung sowie das Recht des Terminalkranken auf Freitodhilfe, wobei die „aktive" Sterbehilfe allenfalls im Ausnahmefall als berechtigt angesehen wird. Die „spirituelle" Dimension als zusätzlicher Ansatzpunkt einer Hilfe beim Sterben wir vom Autor protegiert unter besonderer Berücksichtigung der angenommenen individuellen Leidensbereitschaft. Dabei geht der Autor von der Hypothese aus: Jede Religion hilft dem Gläubigen zu einer Leidensstrategie: Der Glaubensinhalt hilft, also existiert er.

Zusammenfassend zielt der Autor auf ein Dreistufenkonzept: 1. Palliative Sterbehilfe; 2. Freitodhilfe; 3. Aktive Sterbehilfe – wobei im Hintergrund die Empfehlung der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften zur Sterbehilfe stehen.

Die Absicht des Autors und seine Argumente sind unschwer nachvollziehbar und auch überwiegend zu akzeptieren. Auch der spirituelle Aspekt muss für den in Mitteleuropa aufgewachsenen Bürger eine unvermeidbare Basis an der Grenze von Leben zum Tod darstellen, wenn auch inhaltlich sicher variabel und nicht nur auf christlicher Glaubensüberzeugung basierend.

Der Umfang des Buches wird zunächst erhebliche Vorbehalte bei jedem potentiellen Leser induzieren und ist primär zweifelsfrei ein ernstes Hindernis auf dem Wege zur Akzeptanz. Es handelt sich tatsächlich nicht um ein Werk zur schnellen und umfangreichen Information, sondern es muss als denkerische Aufarbeitung der sozial-ethischen Problematik unter Berücksichtigung nahezu aller sozialen, psychologischen, rechtlichen, medizinischen und theologischen Aspekte verstanden werden. Insofern handelt es sich eher um ein „Handbuch" als um eine Monographie. Die detaillierten Leseanleitungen des Autors stützen diese Annahme durch Bedenken auch des Autors und ermöglichen tatsächlich auch einen schnelleren Zugang – allerdings offenbar überwiegend für geisteswissenschaftlich geschulte Leser, jedoch kaum für Mediziner.

Andererseits aber kann – und muss – festgestellt werden, dass eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer solchen Ernsthaftigkeit und Intensität bisher nicht vorliegt. Jedem Wissenschaftler, der in die Problematik der Sterbehilfe ernsthaft einzusteigen beabsichtigt, ist dieses Buch dringend zu empfehlen, das sicher nicht ohne subjektiv-persönliche Färbung, trotzdem aber mit ausgewogener Distanz, eine Annäherung schafft, die in dieser Form bisher einmalig ist. Der geforderte Preis ist ohne Einschränkung angemessen.

  Zurück zur Hauptseite